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Einweihung der Marienkapelle

(Foto: N. Cuypers)

Gedanken zur Einweihung der mit dem Relief „Verkündigung“ von Jenny Wiegmann-Mucchi (1895-1969) neu gestalteten Marienkapelle in der Kirche Heilig-Geist, Berlin-Charlottenburg, am 26. Januar 2020.


Jahrzehntelang standen wir davor – nach dem Gottesdienst bei schönem Wetter im Pfarrgarten –, oder wir gingen dran vorbei auf dem Weg zum Gottesdienst in unsere Kirche – zumindest, wenn wir den Weg durch den Garten gewählt haben.
Da stand es; beinahe unbemerkt an der Außenmauer unserer Kirche, mehr und mehr von unserem schönen Blauregen überwuchert – zuletzt sogar von seinem Wurzelwerk schon beschädigt. Vor gut fünf Jahren – Stanislaw Madrow war damals unser Pfarrer – klingelte das Telefon. Am anderen Ende war ein Berliner Galerist, der das Relief in einer Ausstellung präsentieren wollte. Daraus wurde zwar nichts, aber zum ersten Mal seit Jahrzehnten machte man sich Gedanken über den behauenen Stein im Garten; zum ersten Mal seit
Jahrzehnten ging man seiner Geschichte nach – angestoßen durch einen Anruf von jemandem, der mit unserer Gemeinde nichts zu tun hatte, der aber herausgefunden hatte, dass in unserem Garten ein bedeutendes Kunstwerk stand: ein Relief der Bildhauerin Jenny Wiegmann-Mucchi. Sie wurde 1895 in Spandau geboren und stand als junge Frau der Künstlervereinigung „Berliner Secession“ nahe, zu der Bildhauer wie Ernst Barlach, Käthe Kollwitz oder auch Georg Kolbe gehörten. Im Garten des Kolbe-Museums in der Sensburger Allee steht bzw. sitzt seit einigen Jahren eine Frauen-Plastik von Jenny Wiegmann-Mucchi, so unbedeutend kann sie also nicht gewesen sein.
Plötzlich wurde uns klar: der Stein im Garten verdient eigentlich mehr Beachtung als wir ihm in der Vergangenheit zuteil werden ließen.
Weitere Recherchen ergaben, dass es sich bei diesem Relief, das die Verkündigungsszene mit dem Engel Gabriel und Maria darstellt, um ein Auftragswerk handelte: Die „Marianische Jungfrauen-
kongregation“ hatte es 1932 bei Jenny Wiegmann-Mucchi in Auftrag gegeben und als Aufsatz für den Marien-Altar in der neu gebauten Heilig-Geist-Kirche gestiftet. Das Relief war also Teil der künstlerischen Erstausstattung unserer Kirche und ist heute wohl das letzte noch erhaltene Kunstwerk aus dieser Zeit.
Dass es bis heute existiert, ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass es schon bald wieder aus der Kirche entfernt und letztendlich im Garten deponiert wurde. Der Grund dafür dürfte das durch den Nationalsozialismus beeinfusste Kunstverständnis unserer damaligen Pfarrei- und Ordensangehörigen gewesen sein. Das Relief überlebte, weil es raus musste – Ironie des Schicksals ...
Im Frühjahr 2017 – inzwischen war Pater Tanye als neuer Pfarrer eingesetzt – läutete wieder das Telefon. Wieder sollte das Relief in einer Ausstellung präsentiert werden, und diesmal klappte es tatsächlich. Die Kuratoren der geplanten Ausstellung, Nachkommen von Jenny Wiegmann-Mucchi sowie einige Sachverständige kamen zu uns und boten an, die Restaurierungskosten des stark beschädigten
Reliefs zumindest teilweise zu übernehmen, wenn das Relief im Gegenzug von Mai bis September 2017 in der Zitadelle Spandau anlässlich einer Ausstellung zu Leben und Werk von Jenny Wiegmann-Mucchi präsentiert werden darf. Man ging darauf ein.
Seit der Abholung des Reliefs stand aber nun die Frage im Raum, was damit geschehen solle, wenn es nach ein paar Monaten wieder zurückgebracht wird?
Der Steyler Orden als Besitzer des Kunstwerkes, dessen materieller Wert momentan immerhin auf 30.000 bis 50.000 € geschätzt wird, hat entschieden, dass es aufgrund seiner Geschichte in unserer Pfarrei
verbleiben soll. Herzlichen Dank dafür!
Die Restauratoren haben dringend davor gewarnt, das Relief wieder in den Garten zu stellen, da es ansonsten nur eine Frage der Zeit wäre, wann es durch weiteren Wettereinfuss völlig zerstört wäre.

So lag es nun in der Verantwortung des Kirchenvorstandes und des Pfarrgemeinderates, eine möglichst gute Lösung zu finden. Diese Lösung wurde nach langen Überlegungen und Beratungen auch gefunden – und zwar völlig einvernehmlich. Ich glaube, es war eine gute Entscheidung, dem Relief nach bald 90 Jahren wieder einen
angemessenen und würdigen Platz zu geben, und mit ihm die Marienkapelle neu zu gestalten. In Herrn Christian Bernrieder haben wir dabei einen sehr kompetenten und einfühlsamen Architekten als
Partner gehabt, der immer versucht hat, alle Anregungen aus unseren Pfarrei-Gremien in seine Vorschläge einfießen zu lassen.
Es ist uns klar, dass vielleicht nicht alle mit der Neugestaltung unserer Marienkapelle glücklich sind – Veränderungen können eben immer auch schmerzlich sein. Vor allem die, die mit der neuen Marienkapelle vielleicht noch hadern, aber auch alle anderen Mitglieder unserer Gemeinde sowie alle Besucher unserer Kapelle möchte ich zum Schluss einladen, sich einzulassen auf die Botschaft des Reliefs: Der Erzengel Gabriel
übergibt Maria eine Blume, während die Taube als Symbol des Heiligen Geistes über den beiden schwebt. Maria nimmt die Blume an, sie zeigt sich offen für eine Zukunft, von der sie nicht weiß, ob sie so blumig bleibt. Sie nimmt das Leben an, sie lässt sich einfach darauf ein ...


Martin Kögel
Berlin, 26.01.2020